Neue Musik: Von der Nische zur Szene

Veröffentlicht von: PR&D - Public Relations für Forschung und Bildung
Veröffentlicht am: 17.11.2015 13:46
Rubrik: Wissenschaft & Forschung


(Presseportal openBroadcast) - Festivals für Neue Musik prägen zusehends das urbane Kulturleben. Ein Projekt des Wissenschaftsfonds FWF beschreibt anhand von drei internationalen Beispielen die Entstehung und Wirkung dieser zeitgenössischen Plattformen. Publikumsbefragungen stellen insgesamt ein positives Zeugnis aus.

Die Musik der Gegenwart ist gekennzeichnet durch eine Vielfalt von Formen und Gattungen. Festivals für Neue Musik sind eine wichtige Plattform für solche zeitgenössischen Ausdrucksweisen und künstlerische Intentionen geworden. Sie haben die Entwicklungsgeschichte der Musik in den vergangenen Jahrzehnten stark beeinflusst. Denn als öffentliche Veranstaltungen werden sie immer mehr ein wichtiger Teil des Kulturlebens der Metropolen. Wachsende Aktivitäten manifestieren sich seit den 1980er Jahren in vielen Gründungen von Festivals für Neue Musik und Ensembles und erfahren einen steigenden Zuspruch vonseiten des Publikums.

Erstmals empirisch untersucht
Ein vom Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Projekt geht aktuell der Genese und Wirkung von großen internationalen Festivals Neuer Musik nach. Dabei erforschen Musikwissenschafterinnen und -wissenschafter unter der Leitung von Simone Heilgendorff von der Universität Salzburg erstmals länderübergreifend die internationale Szene der neuen Kunstmusik. Renommierte Festivals in drei europäischen Hauptstädten stehen im Zentrum des Forschungsprojekts: das bedeutende Festival "Warschauer Herbst", das auf eine lange Tradition zurückblickt und internationalen Ruf genießt. – Es nahm seinen Auftakt 1956 in Polen; das Pariser "Festival d'Automne", das Musik, Tanz und Theater verbindet und 1972 gegründet wurde, sowie das jüngste Festival "Wien Modern" mit seinem Start im Jahr 1988. "Größe, Binnenstruktur und Hauptstadt-Status geben gerade diesen drei Festivals besonderes Gewicht", so Projektleiterin Heilgendorff zur Auswahl.

Umfassende Analysen
Neben der Aufarbeitung von historischem Material versucht das international besetzte Forscherteam in dem FWF-Projekt vor allem den Wandel in der Szene der neuen Musik abzubilden. "Die Festivals heben kulturelle Grenzen zusehends auf und sind ein signifikanter Teil des Musikgeschehens geworden", sagt Heilgendorff. Untersucht werden inhaltliche Aspekte, aber auch Faktoren wie Musikmanagement und -vermittlung. Als zentraler Teil des Erfolgs von Festivals stehen auch die Akteurinnen und Akteure im Fokus der Analysen: vor allem die Kuratorinnen und Kuratoren, Komponistinnen und Komponisten sowie die Musikerinnen und Musiker. Das Forscherteam analysiert die Lebenswege ausgewählter Personen und Ensembles in biografischen Porträts, zum Beispiel von Jagoda Szmytka, Georg Friedrich Haas, Hugues Dufourt oder Helmut Lachenmann und des Ensemble Intercontemporain, Klangforum Wien und Orkiestra Muzyki Nowej. Und schließlich ist auch das Publikum Teil des Forschungsprojekts, das in ausführlichen Befragungen, die 2014 durchgeführt wurden, Antworten liefert auf Fragen zu Alter, Bildung, Motivation, Erwartungen, Internationalität und zu den eigenen Verbindungen zu zeitgenössischer (Kunst-)Musik.

Internationalität und Spielorte als Erfolgsfaktoren
Die Vergleiche zeigen, dass ein wesentlicher Erfolgsfaktor in der Internationalität des Programms liegt. Sie ist bei allen drei Festivals eine Konstante, vertreten durch die "Klassiker" dieser Szene von Giacinto Scelsi über Karlheinz Stockhausen und Luciano Berio bis beispielsweise zum Festival-Mitbegründer in Warschau, Tadeusz Baird. Ebenso werden neue Spielorte erprobt, wie etwa die ehemalige Koneser Wodkafabrik in Warschau, die Szene-Clubs Flex und Fluc in Wien, die auch jüngere Publikumsschichten anziehen. Mit durchschnittlich 36 Jahren ist das Publikum in Warschau mit Abstand das jüngste. In Paris und Wien ist der Altersdurchschnitt mit über 52 beziehungsweise 53 Jahren noch relativ hoch, wie das Ergebnis der Auswertung von 1.500 detaillierten Fragebögen zeigt, liegt aber dennoch etwas unter dem des Publikums konventioneller Klassik-Konzerte.

Positives Image zeitgenössischer (Kunst-)Musik
Der aktive Bezug zu Formen zeitgenössischer Musik ist beim Publikum, so zeigen die Befragungen, weniger ausgeprägt, gleichzeitig hat die zeitgenössische (Kunst-)Musik ein positives Image. Die Festivals werden nicht als Ort für Expertinnen und Experten gesehen, sondern als offene Plattformen für Begegnung, Experimentelles und Diversität. "Das sind erste Belege dafür, dass sich die Szene der Neuen Musik aus ihrer Nische herausbewegt hat", erklärt Heilgendorff. Wenngleich ein internationaler Festival-Tourismus laut den Untersuchungen nicht zu beobachten ist. Besucherinnen und Besucher kommen noch immer vorwiegend aus der Region, insbesondere trifft das auf die Festivals in Paris und Wien zu.

Großes Potenzial
"Festivals Neuer Musik nehmen ihr Publikum in jüngerer Zeit vermehrt in den Blick, sowohl das 'alte' wie das 'neue'", sagt Heilgendorff. Auf diese Weise würden sie sich auch in aktuelle Diskussionen zu Ästhetik, Kultur und Lebensstil einbringen, so die Projektleiterin zum wachsenden Stellenwert dieser Veranstaltungen. Insgesamt, so die Wissenschafterin und Musikerin, würden die Festivals für zeitgenössische Musik ein großes Potenzial besitzen und die kulturelle Entwicklung vorantreiben. Interdisziplinarität, Kollaboration der Disziplinen, die von elektronischer Musik bis zu experimenteller Popmusik reichen, sind die Kennzeichen für eine Entwicklung, die Grenzen überschreitet und künstlerische Antworten auf aktuelle Gegenwartsfragen liefert.

Wissenschaftlicher Kontakt:
Dr. Simone Heilgendorff
Universität Salzburg
Erzabt-Klotzstraße 1
5020 Salzburg
Tel: +43 / 662 / 8044 4674
E simone.heilgendorff@sbg.ac.at
W http://www.uni-salzburg.at

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