Theater 36 erhält Theaterpreis „andersartig gedenken on stage“ für Projekte zu Biographien der Opfer der NS-"Euthanasie"- Ulla Schmidt zeichnet Preisträger in Berlin aus

Veröffentlicht von: Kultur und mehr!
Veröffentlicht am: 06.10.2016 17:15
Rubrik: Gesellschaft & Kultur


Inklusions-Theaterpreis für theater 36 - Prof. Prof. Dr. Marianne Hirschberg, Ingrid von Randow, 2. Vorstandsvorsitzende der Lebenshilfe Berlin, Darsteller Michael Georgi, Regisseur Jörn Waßmund, Foto Marko Georgi
(Presseportal openBroadcast) - Die Hamburger Theatergruppe theater 36, eine Kooperation von Leben mit Behinderung Hamburg mit dem Goldbekhaus, erhielt in Berlin beim bundesweiten Theaterwettbewerb „andersartig gedenken on stage“ den Sonderpreis der Lebenshilfe Berlin e.V. für die besonders gelungene Umsetzung des Inklusionsgedanken für die Inszenierung „Der Brief“.
In feierlichem Rahmen wurde der mit 1000 € dotierte Preis am 1. Oktober 2016 im Kulturzentrum „Die weiße Rose“ in Berlin verliehen. Die ehemalige Ministerin Ulla Schmidt (Bundesvorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V., MdB und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags), Prof. Barbara John (Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Berlin) und Günther Saathoff (Vorstand der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“) sprachen Grußworte.
Das sogenannte Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten war eines der am längsten tabuisierten Kapitel der Gräueltaten der NS-Diktatur. Wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen machten Ärzte und andere Verantwortliche nach dem Krieg weiterhin Karriere, und die Seilschaften schützten sich so lange gegenseitig, bis alle nicht mehr im Beruf waren. Hinzukommt das oft ebenfalls tabuisierte Problem, dass es trotz gesellschaftlicher Neuorientierung nicht wenigen Verwandten lange als unangenehm galt, einen Menschen mit geistiger Behinderung oder psychischer Beeinträchtigung in ihrer Familie gehabt zu haben und in der NS-Zeit einem Teil der damaligen Angehörigen die Wegnahme ihres Kindes auf der einen Seite zwar als grausam erschien, auf der anderen Seite ihnen aber auch ein „Problem“ abgenommen wurde. Die anderen Stimmen, die nach Gerechtigkeit riefen, stießen lange auf eine Mauer des Schweigens. Auch mit dem Beginn der Psychiatriereform Mitte der Siebziger Jahre in Deutschland war die Aufarbeitung viel zu lange kein Thema.
Viele Redner betonten im Rahmen des Festaktes der Preisverleihung, dass zwar Gedenkstätten und Informationsmaterial einen wichtigen Weg für die Aufarbeitung und Erinnerung darstellen. Aber gerade auch für jüngere Menschen ist die aktive Auseinandersetzung zum Beispiel mit Opferbiographien ein viel tiefgreifender Prozess der Erinnerung aber vor allem auch Auseinandersetzung mit Ausgrenzung, Werten und Normen in der Gegenwart. Theater bietet dafür ein ausgezeichnetes Erfahrungsmedium, für die Darsteller wie auch für das Publikum.
Prof. Dr. Marianne Hirschberg (Lehrstuhl an der Universität Bremen mit dem Schwerpunkt Gesundheit, Menschenrechte, Disability Studies, Inklusive Bildung) schließt die Begründung für die Auszeichnung der Inszenierung des Theaterstückes „Der Brief“ mit den Worten: „Das Theaterstück bereichert den Prozess eines heutigen Erinnerns für die Zukunft in inklusiver Weise.“ Freudestrahlend nahmen stellvertretend für die Theatergruppe Darsteller Michael Georgi und Regisseur Jörn Waßmund die Urkunde entgegen.
Theater 36 wurde 2008 gegründet. Menschen mit Behinderung, die in der Tagesstätte Ilse Wilms von Leben mit Behinderung Hamburg und Menschen ohne Behinderung aus dem Stadtteil arbeiten, entwickeln unter der Regie von Jörn Waßmund eigene Stücke. Diese werden im Goldbekhaus in Winterhude und auf Gastspielen aufgeführt.
Das nun ausgezeichnete Theaterstück „Der Brief – Ein Spiel zwischen Gestern und Heute“ hatte seine Premiere 2013. Es erzählt eine Geschichte über das Unfassbare der Euthanasie im Nazi-Deutschland: Ein uralter Koffer, ein Kamm, ein Kleid, ein abgewetzter Teddy und ein Brief: Was als spielerische Probe einer Theatergruppe beginnt, führt plötzlich auf die Spuren eines tragischen und authentischen Schicksals eines behinderten Hamburger Mädchens im Jahr 1943. Durch die Besetzung mit wahren Menschen mit einer Behinderung erhält das Stück eine unglaubliche Intensität, die konkret vor Augen führt, wie grausam die Euthanasie-Verbrechen in Nazi-Deutschland waren.
Das aktuelle Stück von theater 36 „Nur eine Nacht“ erzählt die Geschichte der Ladendetek¬tive Faustus und Meph und spielt mit Motiven von Goethes „Faust“ in einem für eine Nacht von der Außenwelt getrennten Supermarkt, eingeschlossen mit Kunden, Personal und Pudel.

Pressekontakt:

theater 36
Jörn Waßmund (Künstlerische Leitung, Regie)
Stresemannstr. 9, 22769 Hamburg
Tel.: 040 – 87 887 627
post@kulturundmehr.org

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