Brauchen wir Hochbegabtenförderung in Eilteinternaten?

Veröffentlicht von: Internatsberatung der AVIB gemn.e.V.
Veröffentlicht am: 14.12.2010 16:26
Rubrik: Vereine & Verbände


Elitebildung im Luxusinternat?
(Presseportal openBroadcast) - Maximal 3-5 Prozent der Bevölkerung gelten als hochbegabt bzw. bei 5-10 Prozent der Schulkinder nimmt man an, dass sie bei entsprechender Förderung Spitzenleistungen erbringen könnten. Deutschland braucht Eliten. Daher sollten Kinder mit hohem Potenzial entsprechend gefördert werden. Aber brauchen wir dazu Elite-Internate, wie dies in der Öffentlichkeit zunehmend propagiert wird?

Hier muss man zunächst sehr sorgfältig differenzieren. Wenn in Medienberichten von Eliteinternaten die Rede ist, geht es oft nicht um die Förderung von Hochbegabten oder besonders Talentierten. Die Journalistin Julia Friedrichs hat mit ihrem Buch „Gestatten:Elite“ in dieser Hinsicht vor kurzem erst wertvolle Aufklärungsarbeit geleistet. Über Jahre hat die veröffentlichte Meinung mit dem Elitebegriff Schindluder getrieben. Sozial exklusiv – oder plump ausgedrückt: teuer – wurde mit „elitär“ gleichgesetzt, der Elitebegriff dadurch von dem der Leistung elegant abgekoppelt. Eine ähnliche Entwicklung beschreibt der Wiener Soziologe Sighard Neckel, indem er auf die Entwertung von Arbeit und Leistung als Quelle von gesellschaftlicher Anerkennung hinweist. Während von normalen Arbeitnehmern bis hin zu den Empfängern von Sozialhilfe immer höhere Leistungen gefordert und solche rigiden Leistungsanforderungen geradezu als Mittel zur Disziplinierung der unteren Sozialschichten benutzt würden, hätte ein Teil der Oberschicht in den letzten Jahren enorme Reichtums-gewinne verzeichnet, die nicht auf eigener Leistung beruhten, sondern auf der historisch einmaligen Situation einer Erbschaftswelle nach einer langen Friedensepoche bzw. auf der Möglichkeit, durch Spekulation und Selbstbereicherung in Führungspositionen zu astrono-mischen Einkünften zu gelangen, die in keinem Verhältnis mehr zu irgendeiner Form persönlicher Leistung stünden. Neckel spricht hier von „Gelegenheitsökonomie“ als einer Form des Glücksrittertums. Hierdurch sei es zu einer Refeudalisierung der Gesellschaft gekommen, zur Etablierung einer neuen Aristokratie des Geldes, die für sich in Anspruch nehme, Elite zu sein, auch wenn sie nichts geleistet habe.

Weil ehrliche Arbeit vielfach nicht mehr reich, ja nicht einmal mehr wohlhabend und schon gar nicht berühmt macht, hat Reichtum als Quelle des gesellschaftlichen Erfolgs laut Prof. Neckel Idolcharakter erhalten. Das bedeutet: Reichtum gilt an sich schon als Inbegriff des gesellschaftlichen Erfolgs und verschafft einen hohen sozialen Status. Hinzu kommt ein allgemeines Gefühl, dass Erfolg und gesellschaftliche Anerkennung nicht von der Leistung, sondern vom Zufall – eben dem der glücklichen Geburt als Erbe, als Prominentenkind usw. oder aber von der goldenen Nase beim Spekulieren – abhängen. Dies könnte man kritisch hinterfragen, was aber durch die „Idolisierung“ von Reichtum und Prominenz verhindert wird. Wer kritisiert, setzt sich dem Vorwurf des Sozialneides aus.

Mit der Refeudalisierung der Gesellschaft und der Idolisierung des Reichtums werden plötzlich auch teure Luxusinternate, die im Übrigen klar verfassungswidrig sind, da eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern laut Art. 7 (4) des Grundgesetzes nicht gefördert werden darf, gesellschaftlich akzeptiert. Allein aufgrund ihrer sozialen Exklusivität, d.h. aufgrund der Tatsache, dass nur Reiche sie sich leisten können, wird ihnen das Attribut „Eliteschule“ zuerkannt.

Da nun aber in unserer Gesellschaft immer noch die seit der Französischen Revolution bestehende Vorstellung einer Elitezugehörigkeit bzw. des Aufstiegs in die Elite durch Leistung dominiert, erwartet man von Eliteschulen automatisch, dass ihre Absolventen besonderen Leistungsanforderungen gerecht werden, also eine Leistungselite darstellen.
Dies ist aber bei solchen Luxusinternaten nachweislich nicht der Fall. Im Gegenteil provozieren sie auch noch mit einer Eigenwerbung, die den Grundüberzeugungen einer demokratischen Leistungsgesellschaft diametral entgegengesetzt ist. Allein durch Zugehörigkeit zu dem sozialen Netzwerk ihrer Absolventen, so wird behauptet, seien selbst Schüler mit schlechtem Abi-Durchschnitt später beruflich erfolgreicher als ein 1,0-Abiturient eines staatlichen Gymnasiums.

Diese Art von Eliteinternaten braucht unsere Gesellschaft nun wahrlich nicht. Vor dem Hintergrund der Refeudalisierung der westlichen Gesellschaften ist ihre bloße Existenz bereits bedenklich oder sogar gefährlich.

Wo der Staat sich als Träger von Internatsschulen mit hohen Leistungsanforderungen engagiert, bestehen zunächst einmal ganz andere Möglichkeiten der Schülerrekrutierung. Staatliche Eliteinternate stellen praktisch nur die Selbstkosten für Wohnen und Verpflegung in Rechnung. Das sind nur wenige Hundert Euro, die zum größten Teil durch die Eigenersparnis zu Hause oder ab der Oberstufe durch Schüler-BAföG ausgeglichen werden. Ein staatliches Hochbegabteninternat kann jeder besuchen, der die strengen Aufnahmebedingungen erfüllt. Zusätzlich sorgt der Staat durch Talent-Scouting-Systeme oder Meldeverfahren dafür, dass genügend geeignete Bewerber zur Verfügung stehen, aus denen (auch unter dem Gesichtspunkt der charakterlichen Eignung) ausgewählt werden kann. Das Leistungsniveau der SchülerInnen solcher staatlichen Eliteinternate ist von daher sehr viel höher als das preislich exklusiver Luxusinternate. Dies wird in nationalen und internationalen Wettbewerben immer wieder nachgewiesen. Allerdings nimmt die veröffentlichte Meinung hiervon kaum Notiz. Die schaut offensichtlich lieber bei Salem & Co. durchs Schlüsselloch. Die Gründe wurden schon erläutert: Reichtum und Prominenz als Eigenschaften der Geldaristokratie sind in einer refeudalisierten Gesellschaft eben wichtigere Elitekriterien als echte Leistungen.

Doch eine erfolgreiche Volkswirtschaft ist eben auf die echten Leistungsträger angewiesen. Deshalb spricht sich z.B. der Präsident des CDU-Wirtschaftsrats, Kurt Lauk, eindeutig gegen Eliteschulen aus (siehe FOCUS Heft 20/2008, S. 17). Besonders begabte Kinder könnten auch in regulären Schulen angemessen gefördert werden. Wenn sich die Elite absondere, komme zu wenig von dem, was Elite leisten könne, den übrigen Kindern zugute.



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